Atopisches Ekzem

Letztmals aufdatiert: 2021-06-27

Autor(en): Anzengruber

Willan 1808.

Neurodermitis, endogenes Ekzem, atopische Dermatitis, Prurigo Besnier, Neurodermitis diffusa, Neurodermitis constitutionalis sive atopica, Asthmaekzem.

Chron.-rezidivierende Erkrankung des atopischen Formenkreis mit Ekzemen und oft starkem Juckreiz.

  • Prävalenz: ca. 5-20% aller Kindern weltweit, 1-3/100 der Erwachsenen
  • Häufiger vorkommend in Städten und westlichen Ländern
  • Männer sind leicht häufiger betroffen als Frauen
  • In ca. 70% besteht eine positive Familienanamnese
  • 1 Elternteil mit Neurodermitis: 2-3-fach ↑ Risiko für ein Kind an Neurodermitis zu erkranken (ca. 50%)
  • 2 Elternteile mit Neurodermitis: 3-5-fach ↑ Risiko für ein Kind an Neurodermitis zu erkranken (ca.75%)
  • Monozygotische Zwillinge: 73% Konkordanz
  • Intrinsisches atopisches Ekzem
    • Nicht IgE-vermittelt
    • Keine Sensibilisierung gegen Nahrungsmittel oder Umweltallergene
    • Ca. 30-40% der Fälle
    • Möglicherweise eigene Entität
  • Extrinsisches atopisches Ekzem
    • IgE-vermittelt
    • Ca. 60-70% aller Patienten
    • Häufig Sensibilisierung gegen Nahrungsmittel oder Umweltallergene
  • Genetische Faktoren (familiäre Atopie).
  • ↑ IgE Bildung, pathologisch mehr Th2 Zellen (im Vgl. zu Th1).
  • Diäten für Schwangere senken nicht das Risiko des Neugeborenen.
  • Dysregulation des zellulären (Th2 ↑) und humoralen (IL-4, IL-5, IL-10, IL-13, 16) Immunsystems.
  • Störung der Hautbarriere mit Austrocknung der Haut.
  • Störungen im Filaggrin-Aufbau durch verschiedenste Mutationen (FLG, SPINK5).
  • Langes Duschen oder Baden mit zu warmen Wasser. Empfohlen wird eine Reduktion der Bade- bzw. Duschzeit auf 1-2 Minuten mit lauwarmen Wasser.
  • Sehr warme Umgebungen mit niedriger Luftfeuchtigkeit.
  • ↓ Rückfettung.
    • Pathologische, mikrobielle Besiedelung: z.B.: Staph. aureus, Enterotoxinen, Pityrosporum ovale
    • Infektionen: Sinusitis, Zahninfekte etc.
    • Psychischer und emotionaler Stress.
  • Typ-I Sensibilisierungen (z.B. gegen Hausstaubmilbe, Tierepithelien, Schimmel, Pollen etc.) werden häufig bei Atopikern beobachtet.
    • In ca. 30-80% besteht eine Typ-I Sensibilisierung gegenüber bestimmten Nahrungsmittel.
  • Erythematöse, konfluierende, oftmals juckende Erytheme und Papeln. Nicht selten kommt es zu einer sekundären Impetiginisation und Lichenifikation.
  • Weitere Atopie-Manifestationen: weißer Dermographismus, Xerosis cutis bzw. Ichthyosis, pelzmützenartiger Haaransatz, Dennie-Morgan-Falte, Hertoghe-Zeichen, Ohrläppchenrhaghade, Perlèche, palmare Hyperlinearität, Cataracta neurodermitica, ggf. diffuse Alopecie, dermopathische Lymphadenopathie.
  • Anamnese (Familienanamnese, Eigenanamnese, atopische Diathese?, weitere Erkrankungen aus dem atopischen Formenkreis? Vermehrt bakt. oder virale Infektionen? Nahrungsmittelallergien).
  • Klinik
  • Labor: Eosinophilie?, IgE-Wert (IgE > 150 kU/l), Erwachsene: rx1, rx2; Kinder: rx1, rx2, fx5
  • Atopie-Score nach Diepgen
    • Bei Unklarheit, ob atopische Diathese besteht
Atopie-Score nach Diepgen et al. Quelle: Acta Derm Venereol 1989; Suppl 144: 50-54
  Punkte
Juckreiz beim Schwitzen 3
Wolleunverträglichkeit 3
Xerosis der Haut 3
Weisser Dermographismus 3
Hertoghe-Zeichen 3
Milchschorf 2
Perlèche 2
Cheilitis 2
Verstärkte Handlinienzeichnung 2
Pityriasis alba 1
Positive Familienanamnese für Atopie 1
Rhinitis 1
Konjunktivitis 1
Asthma 1
Dyshidrose 1
Dennie-Morgan-Falte 1
Nickelsensibilisierung 1
Nahrungsmittelunverträglichkeit 1
Gesichtserythem 1
Lichtüberempfindlichkeit 1
Follikuläre Hyperkeratose 1
Score  

Weitere Scoring-Systems:

  • Immer den Eczema area and severity index (EASI) bestimmen: Es wird die Ausbreitung des Ekzems gemessen. Erythem, Ödem, Exkoriationen und Lichenifikation werden mit Punkten zwischen 0-4 bewertet. Excel Tabelle mit allen Scores verfügbar. 
  • SCORAD („Severity Scoring of Atopic Dermatitis“)
    1. Beteiligung der KOF.
    2. Bestimmung des Schweregrads (1= leicht, 2= mittel, 3= stark) von Erythem,  Ödem/Papelbildung, Nässen/Krustenbildung, Exkoriation, Lichenifikation, Trockenheit
    3. VAS für Juckreiz und Schlaflosigkeit.
    • SCORAD: A/5+7B/2+C. Da subjektive und objektive Kriterien vermischt, wird der Score weniger in Studien benutzt als der EASI Score.
  • Säuglinge: Gesicht, Windelbereich
  • Kindheit und Erwachsene: Eher Beugeekzeme (Ellen- und Kniebeugen)

Superfizielle perivaskuläre und interstitielle lympho-histiozytäre/mastozytäre Dermatitis im oberen Korium, Spongiose, spongiotische Blasenbildung, Akanthose, Parakeratose, geringe Eosinophilie.

  • Ausprägung von Mollusken: Eczema molluscatum
  • Impetiginisierung
  • Eczema herpeticatum
  • Erythrodermie
  • Frühe Hautpflege senkt das Risiko nicht für das atopische Ekzem im Alter von 1-3 Jahren (Kelleher et al. 2021). Es ist noch kontrovers, ob sie das Risiko für Lebensmittelallergien sogar erhöhen. 
  • Frühes Einführen von Erdnuss in die Nahrung ist heute bei Hochrisiko-Säuglingen für Erdnussallergie empfohlen. Bei anderen Lebensmitteln ist dies noch nicht klar. 
  • Probiotika: Auch hier ist die Datenlage eingeschränkt. Es kann jedoch mit einem dezenten Verbesserung des Hautbefundes gerechnet werden.
  • Nahrungsergänzungmittel, Vitamine, Fischöl und andere Öle: Insgesamt ist die Datenlage schwach. Vitamin D könnte einen Benefit zeigen. Wir am USB empfehlen, sofern kein Mangelzustand besteht, keine Nahrungsergänzungmittelsubstitution.
  • Chinesische Heilkräuter: Insgesamt wurden 3 Studien durchgeführt (alle mit einer sehr niedrigen Patientenzahl). 2 Studien zeigten einen Benefit, während eine Studie keinen Unterschied zwischen der Placebo- und der Interventions-Gruppe.

Häufig verschwindet die Symptomatik nach der Kindheit, eine Persistenz und Rückfälle kommen jedoch vor. Dann ist mit einem chron.-rezidivierendem Verlauf zu rechnen.

Beispielrezept (Unispital Basel, Markennamen vermeiden, Apotheke wählt dann das verfügbare Präparat):

  • 2 x 500mL Lipolotio 4% Urea 2x tgl. direkt 2 Minuten nach dem lauwarmen Duschen auftragen
  • 2 grosse OP Mometasonfuorat Salbe einmal täglich auftragen bis Entzündung kontrolliert, dann auf 2x pro Woche reduzieren
  • 2 OP 0.1% Tacrolimus 2x tgl. auf die betroffenen Stellen, bei guter Kontrolle der Entzündung von Cortisonpräparaten auf dieses cortisonfreie Präparat wechseln
  • 1 grosse OP Clobetasol Propionat Crème einmal täglich bei sehr starker Entündungsaktivität auftragen, nicht im Gesicht und Genitalbereich (für 1-3 Tage) 
  • 1 OP Chlorhexidin-haltige Waschemulsion einmal täglich zur Reduktion des S. aureus 

 

Allgemeine Massnahmen:

  • Elimination von Exazerbationsfaktoren
  • Erkennen (allergologische Tests, Schulungen)
  • Meidung aller Triggerfaktoren
  • Wiederherstellung der Barrierefunktion und adequate Rückfettung
  • Behandlung von Ekzemreaktionen
  • Vermeidung toxisch-irritativer Belastung (↓ Wasserkontakt).

  • CAVE: Berufswahl.

  • Atmungsaktive Kleidung aus Baumwolle oder Seide. Kein Polyester, keine Wolle oder Felle.
  • Allergologische Abklärung!
  • Ernährung: Diät nach entsprechender allergologischen Testung.
  • Erneute Testung alle 2 Jahre.
  • Bei Bestehen eines Fokus, ist die Fokussanierung zielführend

 

  • Calcineurin-Inhibitoren
    • Zugelassen ab dem Alter von 2 Jahren, davor off-label-use. Second-line-Therapie
    • Theoretische Malignitäts-Induktionsrisiken haben sich in der Langzeiterfahrung mit diesen Präparaten nicht bewahrheitet, und sie werden sehr häufig angewendet. Konsensus: Der Nutzen übersteigt das Risiko.
    • Keine Anwendung am Tag einer Lichttherapie oder bei erhöhter Sonnenexposition

 

  • UV-Therapie
    • ​​​​​​​Schmalband UVB, UVA1-Therapie , PUVA-Bad-Therapie
    • Balneophototherapie: Kombination von UV-Therapie und Balneotherapie
    • Keine UV-Therapie sollte bei Kindern durchgeführt werden, wenn sie die UV Brille abnehmen könnten in der Kabine. Bei Patienten mit Hauttyp I ist eine alternative Therapie zu diskutieren
    • Klimatherapie: Aufenthalt an der Nordsee oder im Hochgebirge (Davos)

       

  • Systemische Therapie (für mittelschwer-bis-schwere AD)
    • Dupilumab: Ein humaner, monoklonaler Antikörper gegen den IL-4 Rezeptor, hemmt IL-4 und IL-13, siehe Medikament.
    • JAK Inhibitor Baricitinib (oral), siehe Medikament.
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