Masern

Letztmals aufdatiert: 2020-07-24

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Morbilli, 1. Infektionskrankheit.

  • Hochkontagiöse Infektionskrankheit durch Masernviren
  • Beim Masernvirus handelt es sich um ein ca. 140 nm großes RNA-Virus, welches zur Gruppe der Paramyxoviren gezählt wird
  • Vor allem im Winter und Frühjahr auftretend
  • 1964 erfolgte die Einführung der Masernlebendimpfung, was zu einem deutlichen Rückgang der Inzidenz führte
  • Betroffen sind vor allem Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene
  • Weltweit 158000 Todesfälle pro Jahr
  • Europaweit kommt es zu 1 Todesfall per 3000 gemeldeten Erkrankungen
  • Das Masernvirus wurde in Skandinavien, Australien und in Nord- und Südamerika eliminiert
  • Transmission: Tröpfcheninfektion (Sprechen, Husten, Niesen)
  • Die Ansteckungsgefahr besteht zumeist im katarrhalischen Stadium bzw. im frühen Exanthem Stadium
  • Inkubationszeit: 10-14 Tage
  • In den Keratinozyten und in der oberen Dermis kommt es infolge der Virusreplikation zur Ausbildung von Riesenzellen, den Warthin-Finkeldey-Zellen
  • 4 Tage nach Inkubationszeit Auftreten eines Exanthems

 

  • Katarrhalische Prodromalstadium:
    • Reduzierter Allgemeinzustand, Fieber (bis 40°C), Pharyngitis, Tracheitis, trockener Husten, Rhinitis, Konjunktivitis und Lichtscheu
    • Nach 2-3 Tagen treten für 48 Stunden enoral im Bereich der Backenzähne punktförmige, weiße Schleimhautveränderungen auf (Koplik-Flecken), welche nicht abkratzbar sind

 

  • Enanthem: Ab dem 3. Tag kommt es zu roten Flecken im Bereich der Mundschleimhaut mit gleichzeitigem Fieberabfall

 

  • Exanthematisches Stadium:
    • Von retroaurikulär beginnend, über Hals und Rumpf ausbreitend, gehen morbilliforme, erythematöse, teilweise konfluierende Flecken schließlich auf die Extremitäten über
    • Zeitgleich beginnt das Fieber wieder zu steigen, nach 3-4 Tagen ist die Körpertemperatur regredient
    • Vor allem bei Erwachsenen, welche nicht geimpft sind, kommt es zu foudroyanten, teils letalen Fällen. Gekennzeichnet sind diese durch Somnolenz, blutige Stühle, Hyperpyrexie, Krämpfe und Kreislaufstörungen
  • Klinik
  • BB (Leukopenie)
  • PCR aus Körperflüssigkeiten
  • Bei neurologischer Symptomatik ist ein neurologisches Konsil essentiell
  • Liquorpunktion bei neurologischen Auffälligkeiten. Anm.: Bei einer akuten sklerosierenden Panenzephlitis mit infauster Prognose, finden sich sehr hohe IgG-Titer im Liquor
  • Durchführung eines Thorax-Röntgen bei pulmonaler Symptomatik (streifige Zeichnung)
  • Mittels ELISA lassen sich ab Tag 3 des Exanthemstadiums IgM-Antikörper nachweisen. Bei einem 4-fachen Anstieg (2 Stufen) des Titers nach 2 Wochen, ist von einer Maserninfektion auszugehen
  • Bronchopneumonie (ca. 4-5%)
  • Otitis media (ca. 4-5%)
  • Masern-Krupp
  • Lupus vulgaris (kutane Streuung von Tuberkelbakterien)
  • Masernenzephalitis (1:100.000)
  • Subakut sklerosierende Panenzephalitis (SSPE)

Nach bereits durchgemachter Maserninfektion besteht eine lebenslange Immunität.

  • Bettruhe

 

Antipyretische Massnahmen, z.B.:

  • Wadenwickel
  • Paracetamol
    • Anw.:
    • > 12 J. (>40 kg): Einzeldosis (ED): 500-1000 mg, max. Tagesdosis (TD): 4 g
    • 9-12 J. (30-40 kg): ED: 500 mg, max. TD: 2 g
    • 6-9 J. (22-30 kg): ED: 250-500 mg, max. TD: 750 mg
    • KI: Leberschäden, Niereninsuffizienz, akute Hepatitis, M. Meulengracht, Schwangerschaft, Stillzeit

 

Topische Therapie

  • Lotio alba
Impfung gegen Kategorie Indikation Anwendungshinweise
Masern S Nach 1970 geborene Personen ≥ 18 Jahre mit unklarem Impfsta­tus, ohne Impfung oder mit nur einer Impfung in der Kindheit Einmalige Impfung mit einem MMR-Impfstoff
  I

Bei bevorstehender Aufnahme bzw. bei Besuch einer Gemeinschaftseinrichtung (z. B. Kita):

Säuglinge ab dem Alter von 9 Monaten

Zweimalige Impfung mit einem MMR/V-*Impfstoff

Sofern die Erstimpfung im Alter von 9 – 10 Monaten er­folgt, soll die 2. MMR/V-Impfung bereits zu Beginn des 2. Lebensjahres gegeben werden.

  I

Nach 1970 Geborene ab dem Alter von 9 Monaten mit unklarem Impfstatus, ohne Impfung oder mit nur einer Impfung in der Kindheit

 

ausnahmsweise 6 – 8 Monate alte Säuglinge nach in­dividueller Risiko-Nutzen-Abwägung (Off-label-use)

Einmalige MMR(V)-**Impfung

Ggf. Vervollständigung entsprechend den für die Alters­gruppe geltenden Empfehlungen.

Sofern die Erstimpfung im Alter von 9 – 10 Monaten erfolgt, soll die 2. MMR/V*-Impfung bereits zu Beginn des 2. Lebensjahres gegeben werden.

Bei Erstimpfung im Alter von 6 – 8 Monaten sollen eine 2. und 3. MMR/V*-Impfung im Alter von 11 – 14 und 15 – 23 Monaten erfolgen

* MMR/V = MMRV oder MMR in Ko-Administration mit VZV-Impfstoff

** MMR(V) = MMR mit oder ohne Ko-Administration von VZV-Impfung

  B Im Gesundheitsdienst oder bei der Betreuung von im­mundefizienten bzw. -supprimierten Personen oder in Gemeinschaftseinrichtungen Tätige: nach 1970 Gebo­rene mit unklarem Impfstatus, ohne Impfung oder mit nur einer Impfung in der Kindheit Einmalige Impfung mit einem MMR-Impfstoff

S: Standardimpfungen mit allgemeiner Anwendung

I: Indikationsimpfungen für Risikogruppen bei individuell (nicht beruflich) erhöhtem Expositions-, Erkrankungs- oder Komplikationsrisiko sowie zum Schutz Dritter

B: Impfungen auf Grund eines erhöhten berufli­chen Risikos, z. B. nach Gefährdungsbeurteilung gemäss Arbeitsschutzgesetz/Biostoffverordnung/ Verordnung zur arbeitsmedizinischen Vorsorge (ArbMedVV) und/oder zum Schutz Dritter im Rahmen der beruflichen Tätigkeit

Robert Koch Insitut, Epidemiologisches Bulletin Nr. 34. (2015). Rki.de. Retrieved 10 May 2016, from https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2015/Ausgaben/34_15.pdf?__blob=publicationFile

  Unerwünschte Nebenwirkungen nach MMR-Impfung pro 1 Mio. Geimpfte Komplikationen bei Masernerkrankung pro 1 Mio. Masernerkrankte
Immunschwäche Sehr selten Alle Erkrankten
Ohrenentzündung 0 70000-90000
Lungenentzündung 0 10000-60000
Hospitalisation 20-50 10000-25000
Fieberkrämpfe 30-300 5000-7000
Hirnentzündung 0.6-1.6 200-2000
Abnahme der Blutplättchen 30 330

Subakute sklerosierende

Panenzephalitis (SSPE)*

0 1-10

Allergische Schockreaktion

(Anaphylaxie)

1-10 0
Autismus 0 0
Todesfälle < 1** 300 bis 1000
Kosten 1 Million Impfungen kosten 140 Millionen Franken. 1 Million Erkrankte kosten zwischen 3,6 und 5 Milliarden Franken.

* Die SSPE ist eine Spätfolge einer Maserninfektion. Jahre nach der Infektion entsteht eine schleichende Hirnentzündung, die nicht heilbar ist und immer tödlich endet.

** Es wird kein Todesfall erwartet, und bis anhin ist kein Todesfall aufgrund des Impfstoffs bekannt; das Risiko kann jedoch nicht vollständig ausgeschlossen werden.

Quelle: Bundesamt für Gesundheit - Masern. (2016). Bag.admin.ch. Retrieved 10 May 2016, from http://www.bag.admin.ch/themen/medizin/00682/00684/01087/index.html?lang=de

 

  • Bei Verdacht auf eine Maserninfektion muss eine Meldung erfolgen
  • Kindergarten und Schulverbot (nicht geimpfte Kinder, welche Kontakt mit ansteckenden Personen hatten, müssen max. 3 Wochen zu Hause bleiben). Bei Verdacht muss der Kontakt zu nicht immunen Personen bis 5 Tage nach Auftreten des Exanthems gemieden werden
  • Die ersten Monate sind Neugeborene durch die Antikörper der Mutter geschützt

 

  • MMR-Impfung:
    • Zwischen dem 11. Und 14. Lebensmonat sollte eine MMRV-Impfung erfolgen. Eine Auffrischungsimpfung ist 1 ½- 3 Monate später zur Erfassung von Impfversagern empfohlen. Bei Kindern in Kinderbetreuungseinrichtungen kann bereits eine Immunisierung im Alter von 9 Monaten erfolgen. Die 2. Vakzine sollte dann zwischen dem 12.-15. Lebensmonat verabreicht werden. Diese erfolgt um die ca. bis zu 10% Impfversager zu immunisieren (danach sind es nur noch ca. 5% Impfversager).
    • Der Lebendimpfstoff kann bei immunkompetenten Kindern ab dem 7. Lebensmonat - sofern er innerhalb der ersten 3 Tage nach Exposition angewendet wurde - den Ausbruch verhindern
  • Passive Immunisierung:
    • Ist bei immundefizienten Patienten oder Kindern vor dem 7. -13. Lebensmonat bei Exposition mittels
      • Intravenöse Immunglobuline i.v. 250-400 mg/ kg KG tgl. über 3-5 Tage alle 3-4 Wochen
        • Initialdosis: 0.4-0.8 g/kg KG
        • Im Verlauf: 0.2 g/kg KG alle 3 bis 4 Wochen
        • Bestimmung des IgG-Serumspiegels immer unmittelbar vor der nächsten Infusion!
        • Ein IgG Talspiegel von mindestens 5 bis 6 g/l sollte vor erneuter Infusion erreicht werden

 

  • indiziert und sollte innert 6 Tagen nach Erstexposition erfolgen. In diesem Fall besteht kein erhöhtes Risiko für das Kind, sondern die Gefahr, dass die bestehenden mütterlichen Antikörper den Impfstoff neutralisieren. Die Zweitimpfung in diesem Fall wie sonst auch zwischen 12.-15. Lebensmonat.
  • Sofern ein Patient 1964 oder früher geboren und nicht an Masern erkrankt ist, wird eine Impfung nur bei Exposition empfohlen
  • Eine Kontraindikation gegen die Impfung ist die Schwangerschaft. Sofern dennoch eine Impfung erfolgt, ist dies kein Grund für den Schwangerschaftsabbruch
  • Mögliche Nebenwirkungen: Lokalreaktion, Schmerz, Schwellung, Rötung. In seltenen Fällen eine grippeähnliche Symptomatik, Thrombozytopenie und Hirnhautentzündung
  • Anders als zeitweise von Dr. Wakefield postuliert, ist die aktuelle Datenlage sehr eindeutig, dass es keinen Zusammenhang zwischen Autismus und MMR-Vakzination gibt
  • Kosten der MMR-Impfung werden von den Krankenkassen übernommen (ausgenommen der Selbstbehalt)

 

  • Topische Therapie:
    • Austrocknende Schüttelmixturen
  1. Cutts FT, Henao-Restrepo AM, Olivé JM. Measles elimination: progress and challenges. Vaccine 1999;17:S47-S52.
  2. Davidkin I, Valle M, Peltola H, et al. Etiology of Measles‐ and Rubella‐like Illnesses in Measles, Mumps, and Rubella–Vaccinated Children. The Journal of Infectious Diseases 1998;178:1567-70.
  3. Velangi, Tidman. Gianotti-Crosti syndrome after measles, mumps and rubella vaccination. British Journal of Dermatology 1998;139:1122-3.
  4. Bundesamt für Gesundheit - Masern. (2016). Bag.admin.ch. Retrieved 10 May 2016, from http://www.bag.admin.ch/themen/medizin/00682/00684/01087/index.html?lang=de