Miliaria

Zuletzt aktualisiert: 2022-09-20

Autor(en): Tatjana Steybe, Alexander Navarini

ICD11: L74.3

Dermatitis hidrotica; Dew drops; Hidroa; Hitzeblattern; Hitzepickel; Prickle heats; Roter Hund; Schweißbläschen; Schweißfrieseln; Schwitzbläschen

Als Miliaria bezeichnet man ein häufig vorkommendes, meist juckendes Exanthem, das durch eine Verlegung oder autoinflammatorische Prozessen von ekkrinen Schweissdrüsen und ihren Ausführungsgängen entsteht.

Obgleich die Miliaria alle Altersgruppen und beide Geschlechter gleichermaßen betrifft, sind Säuglinge und Kinder aufgrund der Unreife der Ausführungsgänge stärker gefährdet. Schwitzen ist der häufigste Risikofaktor für Miliaria. Daher werden heiße oder feuchte Umgebungen und das Auftreten von Fieber mit Miliaria in Verbindung gebracht. Die Miliaria cristallina tritt bei 4,5 % bis 9 % der Neugeborenen auf und kann auch bei Erwachsenen auftreten, die kürzlich in ein wärmeres Klima umgezogen sind. Miliaria rubra, die häufigste Form der Miliaria, tritt häufig bei Neugeborenen im Alter von 1 bis 3 Wochen auf. Sie kann auch bis zu 30 % der Erwachsenen betreffen, die in heißen und feuchten Gebieten leben.

Je nach pathophysiologischem Angriffspunkt kann die Miliaria nach klinischen Aspekten unterteilt werden in: 

1. Miliaria rubra: durch Okklusion des Schweissdrüsenausführungsgangs auf Höhe des Stratum spinosums bilden sich meist akut auftretende, disseminierte, juckende erythematöse Papeln und Vesiculae. Meist Ausparung des Gesichts und der Hand- und Fussflächen. 

 

2. Miliaria cristallina: durch Okklusion im Bereich des Stratum corneums entstehen meist stammbetont lokalisierte, stecknadelkopfgrosse, klar gefüllte Vesiculae.

 

3. Miliaria alba: pathophysiologisch ähnlich wie bei der Miliaria cristallina, bei gelblich-trübem Inhalt der Vesiculae klinische Zuordnung zu Miliaria alba.

 

4. Miliaria pustulosa: durch Okklusion und auch Ruptur der Ausführungsstrukturen auf Höhe der dermato-epithelialen Junktionszone entstehen vermehrt im Bereich der Intertriges (durch bakterielle Ueberladung) multiple, dicht stehende, juckende Pusteln. Häufig bei Hyperaldosteronismus Typ I. 

5. Miliaria profunda: Okklusion im Bereich der Dermis. Klinisch ähnlich wie Miliaria rubra. 

 

6. Miliaria neonatorum (Miliaria des Säuglings): häufiges Auftreten bei Neugeborenen, die in der Regel zwischen 1 und 3 Wochen alt sind. Meist sind die Leiste, die Achselhöhle und der Hals betroffen.

 

Die Hauptursache für Miliaria ist eine Okklusion der ekkrinen Schweißdrüsen oder -kanäle. Dies kann durch kutane Ablagerungen oder Bakterien wie Staphylococcus epidermidis mit einer Biofilmbildung verursacht werden. Dies führt zum Austritt von Schweiß in die Epidermis oder Dermis, was zu zellulärer Überwässerung, Schwellung und weiterem Verschluss der Ausführungsgänge führt. Bei einer stärkeren Beeinträchtigung der ekkrinen Drüsen oder Ausführungsgänge kann es zu deren Ruptur kommen. 

 

Ursachen der Miliaria sind: 

 

- Okklusion der Haut: transdermale Medikamentenpflaster und enge Kleidung wurden mit Miliaria in Verbindung gebracht.
- Pseudohypoaldosteronismus Typ I: Eine Mineralokortikoidresistenz führt zu Natriumverlusten über die ekkrinen Drüsen.
- Anstrengende körperliche Aktivität und Schwitzen
- Morvan-Syndrom: Eine seltene autosomal-rezessiv vererbte Krankheit, die neben anderen Anomalien zu Hyperhidrose führt und für Miliaria prädisponiert.
- Medikamente: Medikamente, die das Schwitzen anregen, wie Bethanechol, Clonidin und Neostigmin, wurden mit Miliaria in Verbindung gebracht. Außerdem wurden einige wenige Fälle von Isotretinoin-induzierter Miliaria beobachtet.

s.o.

Klinische Diagnosestellung. Die Dermatoskopie hat sich als nützliches Hilfsmittel erwiesen, insbesondere bei Menschen mit pigmentierter Haut, da sie meist große weiße Papeln mit umliegenden Halos (white bullseye) erkennen lässt. 

Stamm, selten Extremitäten. Gesicht, Hand- und Fussflächen meist ausgespart.

Die Histologie der Miliaria unterscheidet sich je nach Typ, da sie nach der Tiefe der Okklusion des Ductus eccrineus klassifiziert wird. Miliaria cristallina zeigt subkorneale oder intrakorneale Bläschen aus dem intraepidermalen Teil des Ductus und kann Neutrophile enthalten. Miliaria rubra weist eine epidermale Spongiose mit Parakeratose und Bläschen in der Epidermis auf, die mit dem Ductus eccrineus kommunizieren. Sie kann mit einem entzündlichen lymphozytären Infiltrat einhergehen, das den Ductus und das oberflächliche Gefäßsystem umgibt. Die Miliaria profunda betrifft die intradermale Spongiose des Ductus eccrinae und ist mit der Miliaria rubra vergleichbar. Die Miliaria profunda unterscheidet sich von der Miliaria rubra durch eine weitere Ruptur der ekkrinen Gänge und eine stärkere lymphozytäre Entzündung. Sie ist Periodic Acid-Schiff (PAS)-positiv und mikroskopisch diastase-resistent.

Allgemeine Maßnahmen zur Verringerung des Schwitzens und der Verstopfung der ekkrinen Ausführungsgänge sind bei der Behandlung von Miliaria gerechtfertigt. Dazu gehören kühlere Umgebungen, das Tragen atmungsaktiver Kleidung, das Ablösen der Haut, das Entfernen hautverschließender Gegenstände wie Verbände oder Pflaster sowie die Behandlung fieberhafter Erkrankungen.

Die spezifischen Modalitäten für die Behandlung von Miliaria sind je nach Typ unterschiedlich. Miliaria cristallina wird in der Regel nicht behandelt, da sie selbstlimitiert ist und sich in der Regel innerhalb von 24 Stunden zurückbildet. Die Behandlung der Miliaria rubra zielt auf eine Verringerung der Entzündung ab, weshalb leichte bis mittelstarke Kortikosteroide wie Triamcinolon 0,1 % Creme für ein bis zwei Wochen angewendet werden können. Wenn sich eine Miliaria pustulosa entwickelt, sind topische Antibiotika wie Clindamycin angezeigt, um die überlagernde bakterielle Infektion zu behandeln.

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