Telogeneffluvium

Letztmals aufdatiert: 2021-10-06

Autor(en): Navarini

Diffuser, nicht vernarbender Haarausfall, vor allem bei Frauen.

Dieses Krankheitsbild ist der zweithäufigste Grund für Haarausfall bei Frauen und betrifft vor allem Frauen ab 40 J. mit dichtem Haarkleid.

  • Akutes Telogeneffluvium
  • Chronisches Telogeneffluvium (Def. > 6 Monate persistierend)

Es kommt nach einer verkürzten Anagenphase von nur 2-3 Jahren zu einer normal ablaufenden Telogenphase.

Der genaue Entstehungsgrund der Erkrankung ist unbekannt. Mögliche Auslöser sind: 

  • Psychische Belastung
  • Medikamentös
    • Chemotherapie
    • Heparin
    • Kontrazeptiva
  • Medikamentenentzug 
  • Mangelerscheinungen
    • Serumeisen-, Ferritinmangel
    • Zinkmangel
    • Proteinmangel
  • Hypothyreose
  • Hyperprolaktinämie
  • Diffuser, persistierender Haarausfall mit einem Verlust von 150-400 Haaren täglich. Bis 150 Haare werden im gesunden Zustand verloren. 
  • Initial kein Auftreten einer Alopezie, aber Ausdünnung des Haupthaares (sichtbar ab 20-50% Verlust des Ursprungs-Zustandes)
  • Anamnese
  • Klinik: Nicht vernarbende Alopezie, Zupftest meist negativ
  • Labor: Ferritin (CRP erhöht Ferritin), TSH, Zink, Vitamin B12, 25-Hydroxy-Vitamin D, ANA, ggf. Lues, ggf. HIV, ggf. Prolaktin
  • Klassische Ursachen eines telogenen Effluviums sollten ausgeschlossen werden, wie z.B. die Alopecia androgenetica bei der Frau (siehe Differentialdiagnose)
  • Eine Biopsie der Kopfhaut kann beim Ausschluss verschiedenster DDs hilfreich sein 
  • Im Trichogramm (altmodische Diagnostik, von Dermatoskopie abgelöst) fällt über eine längere Zeit eine Telogenrate von 30% oder mehr auf 
  • Hormonelle Diagnostik nur bei Frauen, wenn klinische Zeichen für Hyperandrogenismus

    (u.a. Seborrhoe, Menstruationszyklusstörungen, schwere Akne, Hirsutismus) dann Konsil Endokrinologie oder selbst bestimmen: Freies Testosteron, Sexualhormon bindendes Globulin(SHBG), Prolaktin. Bei pathologisch Konsil Endokrinologie zur Abklärung.

Diffuses Auftreten: Der gesamte Schädel kann betroffen sein. Die anderen Haarregionen sind kaum merklich betroffen, da ja auch die Länge der Anagenphase ganz unterschiedlich ist, würde dies ggf. auch nicht bemerkt werden. 

  • Trigger suchen, der 3-4 Monate vor dem Auftreten des Effluviums den Eintritt in die Telogenphase präzipitiert hat → z.B. Extreme Diät, Stress, vorhergehende Eisenmangelanämien, Essgewohnheiten, febriler Infekt
  • Haarausfall und Zahl der ausgefallenen Haare erfragen. Nicht selten ist das Telogeneffluvium schon länger vorhanden und zeigt eine phasenweise auftretende Verschlechterung 
  • Medikamente erfragen und dabei auch ein Augenmerk auf jene richten, die vor dem Haarausfall angesetzt worden sind
  • Der Haarausfall muss länger als 6 Monate auftreten für die Diagnose chronisches Telogeneffluvium. Dann suchen wir Stoffwechselerkrankungen, Tumorerkrankungen; Leber-, Nierenerkrankungen, Pankreaserkrankungen mit Malabsorption, systemischer Lupus erythematodes, Dermatomyositis, HIV
  • Medikamentöse Trigger: Orale Kontrazeptiva, Lithium, Valproinsäure, Fluoxetin, niedermolekulares Heparin, Metoprolol, Captopril, Acitretin, antiretrovirale Therapie, Isoniazid

Trigger meiden, da bei erneutem Kontakt der Haarausfall wieder auftreten wird.

Wurde der Trigger identifiziert und korrigiert, wachsen die Haare innerhalb von 6 Monaten normal nach. Zwecks Erwartungsmanagement keine Prognosen stellen, typischerweise wird die Haardichte von betroffenen Personen nie mehr so hoch wie der Ursprungszustand empfunden. 

  • Topisch therapiert kann die Anagenphase mit Minoxidil 2% bzw. 5% 1ml 2mal pro Tag verlängert werden → bei starker psychischer Belastung der Patienten oder wenn der Auslöser ein Medikament ist, das nicht abgesetzt werden kann 
    • Nebenwirkungen Minoxidil: Erythem, Pruritus, Kopfhautekzem, Beginn vermehrtes Telogeneffluvium, reversible Hypertrichose (Wangen)

  • Eine Eisen- oder Zinksubstitution sollte bei Mangel vorgenommen werden z.B. mit Zink 20mg/Tag und Eisen 100mg/Tag
  • L-Cystin-haltige und Biotinhaltige Tabletten (Pantogar, Trichosense) für 3 Monate können mind. subjektiv helfen, potentieller Placebo-Effekt
  1. Whiting DA: Chronic telogen effluvium. Dermatol Clin 1996;14:723-731.
  2. Rebora A: Telogen effluvium revisited. G Ital Dermatol Venereol 2014;149:47-54.
  3. Abdel Aziz AM, Sh Hamed S, Gaballah MA: Possible Relationship between Chronic Telogen Effluvium and Changes in Lead, Cadmium, Zinc, and Iron Total Blood Levels in Females: A Case-Control Study. Int J Trichology 2015;7:100-106.
  4. Rebora A1., Skin Appendage Disord. 2017 Mar;3(1):36-38. doi: 10.1159/000455882. Epub 2017 Jan 28.,Intermittent Chronic Telogen Effluvium.