Anthrax

Zuletzt aktualisiert: 2022-11-16

Autor(en): Anzengruber F., Navarini A.

ICD11: 1B97

Davaine 1863, 1865.

Milzbrand der Haut, Pustula maligna.

Meldepflichtige Zooanthroponose ausgelöst durch das grampositive, aerobe, stäbchenförmige Bacillus anthracis.

  • Inokulation
  • Direkter Kontakt, Inhalation oder über den GI-Trakt
  • Besonders gefährdet sind Veterinärmediziner, Land-, Forstwirte, Jäger, Metzger, Abdecker, Arbeiter, welche Kontakt mit Leder haben (Berufskrankheit). Auch bei Heroinabhängigen kann es zum Milzbrand kommen.
  • 2012 starben in Sachsen-Anhalt 12 Kühe an Milzbrand, dennoch ist durch Impfungen und Kontrollen Anthrax in Mitteleuropa sehr selten geworden. In ärmeren Ländern (Balkanstaaten, Südeuropa, Zentralasien und Afrika) kommen die Erkrankung und eine erhöhte Verseuchungsrate jedoch noch vor.
  • Als biologische Waffe eingesetzt, erkrankten in den USA 2001 22 Personen an Milzbrand, bei 11 Patienten konnte ein Lungenmilzbrand diagnostiziert werden. Hiervon verstarben 5 Menschen, die mit postalisch verschickten Anthraxsporen Kontakt hatten.
  • Eine Sonderform stellt das Bacillus cereus biovar anthracis dar, der die chromosomale DNA von Bacillus cereus bezieht, jedoch die beiden Virulenzplasmide von B. anthracis.
  • Reservoir
  • Erdboden, Rinder, Schafe, Pferde, Schweine und Geflügel

  • Milzbrandsporen können Jahrzehnte in Haaren, an der Haut und der Natur unbeschadet verweilen. Die Sporen sind hitze- und desinfektionsmittelresistent. B. anthracis wird über Haut, GI-Trakt oder Lunge aufgenommen. Es kommt zur Exotoxinfreisetzung und zum Auftreten erste Symptome.
  • Inkubationszeiten:
    • Hautmilzbrand: Stunden bis 1 Woche
    • Lungenmilzbrand: ca. 3–8 Tage, jedoch sind kürzere und längere Inkubationszeiten möglich (beim Menschen bis zu 56 Tage, beim Affen bis zu 100 Tage)
    • Magen-Darm-Milzbrand: 1–3 Tage
    • Injektionsmilzbrand: ca. 1–3 Tage nach Injektion

  • Die Symptomatik ist von der Lokalisation und vom Ort der Erregeraufnahme abhängig
  • Hautmilzbrand:
    • Häufigste Form (95%)
    • Der Erreger penetriert die Haut meist im Bereich kleinerer Verletzungen. An der Eintrittsstelle entsteht eine erythematöse Makula, welche sich im Verlauf in eine Papel bzw. Pustel und schließlich eine schlaffe Blase mit serösen und später hämorrhagischen Inhalt (Pustula maligna). Umgeben wird diese durch ein braunrötliches, violettes Areal. Im Verlauf entsteht aus der Blase ein schmerzloser schwärzlicher Schorf (Milzbrandkarbunkel)
    • Nebenbefundlich zeigt sich eine schmerzhafte, lokoregionale Lymphknotenadenopathie
    • Nach 7-10 Tagen kommt es zur narbigen Abheilung
    • Fieber und reduzierter Allgemeinzustand
  • Lungenmilzbrand (5%):
    • Inhalation der Sporen
    • Biphasischer Verlauf: Zuerst unspezifische Allgemeinsymptome wie Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen, dann Freisetzung der Exotoxine und Übergang in ein schweres Krankheitsbild mit Sepsis und Herz-Kreislauf-Versagen
  • Magen-Darmmilzbrand (< 1%):
    • Aufnahme der Sporen durch Nahrung (v.a. kontaminierte Milch, Fleisch)
    • Bauchschmerzen, Übelkeit, Emesis, Appetitlosigkeit, febrile Temperaturen und Flatulenz. Im Verlauf kommt es zu blutigen Durchfällen. Sofern eine Manifestation im Bereich des Mund- oder Rachenraums besteht (Halsschmerzen, febrile Temperatur, ev. Dyspnoe und Lymphadenopathie), wird von einem Mund-Rachen-Milzbrand gesprochen [RKI]. Übergang in eine Sepsis ist möglich
  • Injektionsmilzbrand:
    • Entsteht durch eine mit Milzbrandsporen verunreinigte Injektion (kontaminierte Substanz oder Nadel). In diesem Fall entsteht eine ausgeprägte erythematöse, ödematöse, Weichteilinfektion. Als Komplikation kann es zu einem Kompartmentsyndrom und einer nekrotisierenden Fasziitis kommen. Als Komplikation ist eine Beteiligung des ZNS möglich. Alternativ kann es zu abdominellen Symptomen kommen. Klinisch gibt es keine Abgrenzungsmöglichkeit zu anderen Weichteilinfektionen. Hinweisend ist hierbei die Anamnese.

  • Anamnese
  • Klinik
  • Entnahme von 2 Blutkulturen (jeweils aerob und anaerob)
  • Bakt.-Abstrich aus Blasenflüssigkeit oder von unterhalb des Schorfs (Gramfärbung und PCR)
  • EDTA-Blut für PCR
  • CAVE: Bei Probebiopsien besteht die Gefahr der Verschleppung, weshalb diese nicht indiziert sind
  • Bei Lungenmilzbrand: Sputum bzw. Bronchiallavage
  • Bei Meningitis: Liquorpunktion
  • Bei Magen-Darm-Milzbrand: Stuhlprobe

Sepsis mit Meningitis und Milzbeteiligung (v.a. bei Immunsuppression).

  • Vakzinierung für Hochrisikopersonen
  • Postexpositionsprophylaxe: Ciprofloxacin 2x 500 mg tgl. für 60 Tage empfohlen.
  • Für Soldaten und Hochrisikopersonen kann BioThrax®, ein azellulärer Impfstoff angewendet werden.

Letalität: Hautmilzbrand 10–40% , bei rechtzeitiger Behandlung gute Prognose.

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