Aphtosis

Letztmals aufdatiert: 2021-10-06

Autor(en): Navarini

Hippokrates, chronisch-rezidivierende Aphten Mikulicz 1888

Aphtose, Aphtosis, Aften, Canker sore, Löchli, Aftenkrankheit

Plötzlich bemerkte, stark schmerzende, meist initial kleine aber gut demarkierte, weisslich fibrinbedeckte, am Rand fakultativ infiltrierte, erythematös umrandete Schleimhautläsion. 

Sehr häufige Pathologie

Aphten ohne Assoziation mit zugrundeliegenden Krankheiten: 

  • Habituelle Aphten
    • Solitär
    • Minor Mikulicz
      • 80% der Fälle

      • Durchmesser <10 mm

      • < 5 Aphten

      • Nicht keratinisierte Mukosa: labial, buccal, Mundboden, ventrale/laterale Zunge

      • 4-14 Tage

      • Keine Narben

    • Major Sutton
      • 10% der Fälle
      • Durchmesser >10 mm bis 30mm, tiefer

      • Vordere & hintere Mundhöhle

      • Wochen bis 3 Monaten

      • In 64% Narbenbildung

      • Fieber/Abgeschlagenheit

    • Herpetiform Cooke Armitage​​​​​​​
      • 10% der Fälle

      • Durchmesser 1-3 mm

      • In Gruppen >100

      • Können konfluieren

      • Ganze Mundhöhle,

        auch keratinisierte

        Mukosa

      • 7-10 Tage

      • Gelegentlich Narben

 

Komplexe Aphtose

  • Kontinuierlich >3 Aphthen oder

  • Genitale Beteiligung

  • Ausschluss M. Behçet

 

Aphten bei Grunderkrankung

  • bei M. Crohn und Colitis ulcerosa
  • bei M. Behçet-Adamantiades
  • bei Herpes simplex: Intraoralem rezidivierendem HSV, Stomatitis aphtosa, Gingivostomatitis herpetica, Aphtoid
  • Traumatisch bedingte Aphten (z.B. Bednar bei Säuglingen) 
  • Medikamentöse Trigger
  • Zyklische Neutropenie

Grösstenteils unklar

An allen Regionen der Mundschleimhaut vorkommende Erosionen bis Ulzera, die eine entzündliche Genese zeigen und erythematöse Umrandung. Im Zentrum zeigt sich ein weisslich-gelblicher Belag aus Fibrin. Subjektiv überproportionale Schmerzen. Die Grösse kann von wenigen Millimetern bis mehreren Zentimetern gehen. Der Minor-Typ nach Mikulicz zeigt bis 5mm grosse Läsionen, der Sutton Typ bis 3cm grosse ulzeröse Aphten, welche auch Allgemeinsymptome verursachen können. 

  • Klinisches Bild
  • Typische Anamnese
    • Esswaren als Trigger: Nüsse, Tomaten, weitere (keine typische Lebensmittelallergie, keine Sensibilisierung detektiert)
    • Prämenstruelle Verschlechterung
    • Verbesserung nach Steroiden / Immunsuppressiva?
    • Reflux, Hyperazidität?

 

Abklärungsalgorithmus

  • Initial: Grosses Blutbild, Chemogramm, Eisenstatus, Vit. B12 und Folsäure. Suchen nach assoziierten Krankheiten inkl. HIV, bei Diarrhoe Giardia lamblia
  • In zweiter Linie: 

    Vit.B1, B2, B6, Zink
    HSV, HZV, Lues, Candida, HIV-Screening

  • In dritter Linie: 

  • Calprotectin im Stuhl, Koloskopie
    Anti-Gliadin-Ak, Anti-Endomysium-Ak, Gastroskopie Anti-BP 180/230, Anti-Desmoglein 1/3, Biopsie + DIF ANA, ssDNA, Anti-Sm-Ak, ANCA, RF, Ro-und La-Ak

Mundschleimhaut und Zunge. Gerade bei nahrungsmittelgetriggerten Aphten sind die Falten der vorderen Mundhöhle (mglw. durch Ablagerung Nahrungsmittelreste) häufig betroffen. 

Unspezifisches gemischtzelliges Infiltrat. Es wird immer wieder eine lokalisierte Vaskulitis in den Raum gestellt als Aetiologie (beim M. Behçet ist es ja bewiesen), diese ist aber kaum objektivierbar bei habituellen Aphten. 

Bei länger bestehender Aphte Neoplasien nicht verpassen!

Chronisch rezidivierender Verlauf zu erwarten, ausser es kann ein relevanter Trigger eliminiert werden. 

Allgemeine Massnahmen

  • Nebst triggernden Nahrungsmitteln gibt es eine Reihe von Substanzen, die die Symptomatik verstärken. Dazu gehören die sauren Substanzen wie Fruchtsaft und Mineralwasser, Essig, aber auch Würzmittel und alkoholische Getränke, Mundspüllösungen und Zahnpasta (spez. mit Scheuerpartikeln), sowie harte Speisen. Natriumlaurylsulfat-freie Zahnpflegeprodukte (z.B. Enzycal, Biotène, Meridol Zahnpasta)
  • Antiseptika (0.2% Chlorhexidin Mundspülung)

 

Schmerzlindernde Massnahmen

  • Lidocain Gel mehrmals täglich anzuwenden, produziert Dysgeusie

 

Topische Steroide

  • Steroide in Haftsalben (Stärke-haltige Präparate) bleiben sehr gut auf der Schleimhaut, 
  • KENACORT A Orabase Haftpaste 0.1%
  • 2 Betnesol Tabletten in 1dL lauwarmem Wasser auflösen und vor dem Schlafengehen Mund damit 5min spülen 
  • Intraläsionales Kortikosteroid (Kenacort 40% 0.1ml pro Läsion)

 

Systemische Medikamente

  • Prednisonstoss (0.5mg/kg KG / Tag über 7 Tage), Evidenz mittelgut
  • Colchicin (1.5mg / Tag), Evidenz mittelgut
  • Thalidomid, Evidenz stark, aber nebenwirkungsreich
  • Dapson (Evidenzlevel Fallserie)
  • Cyclosporin (Evidenzlevel schwach)
  • Azathioprin (Evidenzlevel schwach)

 

  • Katja Ivanova, Peter Häusermann, STANDARDS Dermatologie USB, 14.12.2012
  • Clinical aspects and treatment of recurrent aphthous ulcers, Altenburg A, Micheli CK, Maldini C, Mahr A, Puttkammer M, Zouboulis CC. Hautarzt. 2012 Sep;63:693-703. doi: 10.1007/s00105-012-2354-7.

  • Veränderungen der Mundschleimhaut richtig deuten, Trüeb RM, Zahnarztpraxis 2010.

  • Treatment of skin disease, Lebwohl MG, 3. Ausgabe.

  • Dermatology, Bolognia JL, 3. Ausgabe.

  • Evidence Based Dermatology, Maibach H., 2. Ausgabe

  • Brocklehurst P, Tickle M, Glenny AM, Lewis MA, Pemberton MN, Taylor J, Walsh T, Riley P, Yates JM. Systemic interventions for recurrent aphthous stomatitis (mouth ulcers). Cochrane Database Syst Rev. 2012 Sep

  • Letsinger JA, McCarty MA, Jorizzo JL. Complex aphthosis: a large case series with evaluation algorithm and therapeutic ladder from topicals to thalidomide. J Am Acad Dermatol. 2005 Mar;52:500-8.