Gleich Syndrom
Zuletzt aktualisiert: 2026-06-01
Autor(en): Navarini A.A.
ICD11: EB03
Angioödemformen
Hereditäres Angioödemerworbenes Angioödem bei C1-Inhibitor-Mangel
bradykininvermitteltes medikamenteninduziertes Angioödem
histaminvermitteltes Angioödem/Anaphylaxie
idiopathisches systemisches Kapillarlecksyndrom
Urtikariavaskulitischronische spontane Urtikaria mit Angioödem
induzierbare Urtikariaformen
Eosinophile/hypereosinophile Erkrankungen
hypereosinophiles Syndrom, idiopathisch
lymphozytäre Variante hypereosinophiler Erkrankungen
eosinophile Granulomatose mit Polyangiitis
myeloid/lymphoid neoplasms with eosinophilia and tyrosine kinase gene fusions
chronische eosinophile Leukämie
Eosinophile Zellulitis (Wells Syndrom) Eosinophile Fasziizisnicht-episodisches Angioödem mit Eosinophilie
Sekundäre Eosinophilien
parasitäre Helmintheninfektionen
Arzneimittelreaktionen mit sekundärer Eosinophilie
DRESS-Syndromsystemische Mastozytose
Andere Ursachen von Ödemen
nephrotisches Syndrom
Hypoalbuminämie
Herzinsuffizienz
Niereninsuffizienz
LymphödemHypothyreose
Hypereosinophiles Syndrom (idiopathisch)
Episodisches Angioödem mit Eosinophilie (EAE); episodic angioedema with eosinophilia; Gleich-Syndrom/Gleich’s syndrome; Angioödem mit Eosinophilie, episodischer Typ.
Seltene, meist rezidivierende Erkrankung mit wiederkehrenden Schüben von Angioödem und ausgeprägter peripherer Eosinophilie, häufig begleitet von urtikariellen oder urtikariaähnlichen Hautveränderungen. Die Episoden treten oft in relativ regelmäßigen Intervallen im Wochenbereich auf und remittieren zwischen den Schüben weitgehend. Begleitend können Fieber, Fatigue, Myalgien und eine rasche Gewichtszunahme auftreten. Im Unterschied zu anderen hypereosinophilen Syndromen sind persistierende Endorganschäden insgesamt selten, müssen aber aktiv ausgeschlossen werden.
Sehr seltene Erkrankung; belastbare Inzidenz- oder Prävalenzdaten fehlen. Die verfügbare Evidenz beruht überwiegend auf Einzelfällen, kleinen Fallserien und Reviews. Beschrieben ist das Auftreten im Kindes- und Erwachsenenalter. Ein weibliches Überwiegen wurde wiederholt berichtet, ist wegen der kleinen Fallzahlen jedoch nicht sicher quantifizierbar.
Im klinischen Sprachgebrauch wird Angioödem mit Eosinophilie in zwei Formen unterteilt:
episodische Form: Gleich-Syndrom/EAE
nicht-episodische Form: NEAE
Für das Gleich-Syndrom typisch sind rezidivierende Schübe mit Remission zwischen den Episoden. NEAE verläuft meist monophasisch und selbstlimitierend. Diagnostisch gehört das Gleich-Syndrom in das Spektrum eosinophiler bzw. hypereosinophiler Erkrankungen und bleibt eine Ausschlussdiagnose. Entscheidend ist die Abgrenzung gegenüber:
sekundären/reaktiven Eosinophilien
lymphozytären hypereosinophilen Konstellationen
myeloischen/klonalen eosinophilen Neoplasien
Die Pathogenese ist nicht abschließend geklärt. Wiederholt beschrieben sind:
- zyklische Schwankungen der Eosinophilenzahl, oft mit Periodizität von etwa 3–4 Wochen
- Anstieg von Typ-2-Zytokinen, insbesondere IL-5, vor oder während der Schübe
- bei einem Teil der Patienten aberrante oder klonale T-Zell-Populationen als mögliche Quelle eosinophilentreibender Zytokine
Dermatologisch relevant ist die eosinophile Infiltration und Degranulation in Haut und Subkutis, die zu Ödem, Pruritus und urtikariellen bzw. ekzematösen Hautveränderungen beitragen kann.
Leitsymptome sind wiederkehrende Angioödeme und Eosinophilie.
Typische Manifestationen
- Schwellungen, häufig an Gesicht, Lidern, Hals und Extremitäten
- urtikarielle Läsionen, erythematöse Plaques oder quaddelartige Effloreszenzen
- Pruritus
- weitgehende Beschwerdefreiheit zwischen den Schüben
Häufige Begleitsymptome
- Fieber oder Fiebergefühl
- Fatigue
- Myalgien
- rasche Gewichtszunahme, teils innerhalb weniger Tage
- generalisierte Ödeme
Seltener sind papulöse, noduläre oder ekzematöse Hautmanifestationen beschrieben. Der Schweregrad reicht von lokalisierten rezidivierenden Lid- oder Gesichtsödemen bis zu ausgeprägten generalisierten Ödemen mit funktioneller Einschränkung. Lymphadenopathie kann vorkommen, sollte aber nicht als obligates oder gesichert häufiges Merkmal gewertet werden.
Es gibt keine international konsentierten formalen Diagnosekriterien. Die Diagnose wird praktisch als Ausschlussdiagnose gestellt.
Klinische Kernelemente
rezidivierende Episoden von Angioödem, oft mit Urtikaria oder urtikariaähnlichen Eruptionen
Remission zwischen den Schüben
periphere Eosinophilie, oft deutlich und teils zyklisch; Hypereosinophilie wird in Konsensusarbeiten typischerweise ab >1,5 × 10^9/L definiert
Basisabklärung
komplettes Blutbild mit Differentialblutbild, möglichst auch seriell
Entzündungsparameter
Gesamt-IgE, ggf. Immunglobuline einschließlich IgM
Nieren- und Leberwerte, Urinstatus
je nach Klinik C4 und C1-Inhibitor zur Abgrenzung anderer Angioödemformen
Ausschluss sekundärer Ursachen
Arzneimittelreaktionen
Parasitosen/Helmintheninfektionen
allergische oder entzündliche Systemerkrankungen
eosinophile Organerkrankungen anderer Genese
Neoplasien
Abklärung klonaler/primärer eosinophiler Erkrankungen bei entsprechender Konstellation
Blutausstrich, ggf. Knochenmark
Zytogenetik/FISH
Molekulardiagnostik auf relevante Tyrosinkinase-Fusionsgene
Immunphänotypisierung, ggf. T-Zell-Rezeptor-Rearrangement
Organstaging nach Symptomatik
kardiale, pulmonale, gastrointestinale oder neurologische Beteiligung gezielt erfassen
bei klinischem Verdacht z. B. Echokardiographie, Lungenfunktionsdiagnostik oder Bildgebung
Unterstützende, aber nicht obligate Befunde sind erhöhte Immunglobuline, insbesondere IgM, sowie Hinweise auf IL-5-getriebene Aktivität oder aberrante T-Zell-Populationen
Typisch sind Schwellungen an:
Gesicht, besonders Lider und Wangen
Hals
Extremitäten
Stamm
Die Verteilung kann zwischen den Schüben variieren. Urtikarielle Effloreszenzen finden sich häufig an Gesicht, Armen und Rumpf. Histologisch und klinisch betrifft das Ödem vor allem tiefes Korium und Subkutis.
Typisch ist eine seit Monaten oder Jahren bestehende Geschichte plötzlich einsetzender, wiederkehrender Schwellungsepisoden, oft im Abstand von wenigen Wochen. Häufig berichten Patienten zusätzlich über:
Quaddeln oder urtikariaähnliche Hautveränderungen
Juckreiz
Müdigkeit
Fiebergefühl
rasche Gewichtszunahme während der Schübe
Die Episoden klingen oft innerhalb weniger Tage ab, spontan oder unter systemischen Glukokortikoiden. Klare Trigger fehlen häufig. Wichtig sind eine strukturierte Medikamenten-, Infekt-, Reise- und Systemanamnese sowie die Frage nach früheren Organmanifestationen. Ein Symptomtagebuch mit Gewichtsverlauf und seriellen Blutbildern kann die zyklische Natur der Erkrankung dokumentieren.
Die Histologie ist nicht pathognomonisch, kann die Diagnose aber stützen.
Typische Befunde
dermales Ödem
perivaskuläre und interstitielle entzündliche Infiltrate
zahlreiche Eosinophile
teils Beteiligung der Subkutis
Die Befunde passen zu einer eosinophilen Entzündungsreaktion mit Gewebedegranulation. Eine Hautbiopsie ist vor allem sinnvoll, wenn Differenzialdiagnosen wie urtikarielle Vaskulitis, Wells-Syndrom oder andere eosinophile Dermatosen abgegrenzt werden müssen.
Das Gleich-Syndrom verläuft meist ohne bleibende Organschädigung, dennoch sollten Komplikationen aktiv bedacht werden.
Mögliche Komplikationen
funktionell relevante ausgeprägte Ödeme
Drucksymptome mit Paresthesien
sehr selten Kompartmentsyndrom
selten eosinophile Organbeteiligung, einschließlich kardialer Manifestationen
Bei atypischem Verlauf, persistierender Eosinophilie zwischen Schüben oder systemischen Warnzeichen muss die Diagnose überprüft und eine andere Form hypereosinophiler Erkrankung ausgeschlossen werden.
Eine spezifische Primärprävention ist nicht etabliert.
Sinnvolle sekundärpräventive Maßnahmen
Symptomtagebuch
serielle Blutbilder, möglichst auch in symptomfreien Intervallen
erneute Ausschlussdiagnostik bei klinischer Veränderung
frühzeitige steroid-sparende Strategie bei Steroidabhängigkeit oder häufigen Rezidiven
Die Prognose ist in den meisten publizierten Verläufen günstig. Typisch sind rezidivierende, aber reversible Schübe mit weitgehender oder kompletter Beschwerdefreiheit zwischen den Episoden. Systemische Glukokortikoide führen meist zu rascher klinischer Besserung. Langzeitverläufe ohne Endorganschaden sind beschrieben.
Wichtig für die Prognose ist die korrekte Einordnung im Spektrum eosinophiler Erkrankungen. Bei Hinweisen auf eine lymphozytäre oder andere klonale Konstellation ist eine engmaschigere interdisziplinäre Verlaufskontrolle sinnvoll.
Der Inhalt ist nur für registrierte Benutzer verfügbar
Therapieziele sind rasche Symptomkontrolle, Senkung der eosinophilen Entzündung, Vermeidung unnötiger Langzeitsteroide und Erkennung möglicher Organbeteiligung.
Erstlinie
Systemische Glukokortikoide sind die wichtigste Akuttherapie.
Meist kommt es zu raschem Rückgang von Ödemen und Hautsymptomen sowie zu deutlicher Abnahme der Eosinophilie.
Dosis und Ausschleichen sind nicht standardisiert und richten sich nach Schweregrad, Organbeteiligung und Rezidivneigung.
Supportive Maßnahmen
Antihistaminika bei Urtikaria oder Pruritus; als Monotherapie sind sie meist unzureichend.
Analgesie nach Bedarf.
Ödemmanagement und funktionelle Entlastung bei ausgeprägten Schwellungen.
Steroid-sparende Optionen bei häufigen Rezidiven, Steroidabhängigkeit oder refraktärem Verlauf
Mepolizumab: kann die Eosinophilie reduzieren; in einer Pilotstudie wurden klinische Schübe jedoch nicht zuverlässig supprimiert. Verwendet wurde 300 mg s.c. monatlich.
Benralizumab und Reslizumab: positive Einzelfallberichte.
Diese Therapien sind mögliche Off-label-Optionen in ausgewählten Fällen, aber kein Standard.
Sondersituationen/Eskalation
Bei Nachweis relevanter Tyrosinkinase-Fusionsgene ist Imatinib eine zentrale zielgerichtete Therapie.
Ohne solchen Nachweis ist Imatinib beim Gleich-Syndrom nicht Standard; ein Nutzen ist nur in Einzelfällen beschrieben.
Bei Verdacht auf klonale oder lymphozytäre hypereosinophile Erkrankung sollte die Therapieplanung interdisziplinär mit Hämatologie/Immunologie erfolgen.
Praktische Hinweise
Vor Eskalation immer prüfen, ob tatsächlich ein Gleich-Syndrom und keine sekundäre oder klonale Eosinophilie vorliegt.
Persistierende Eosinophilie zwischen den Schüben, Organzeichen oder atypische Verläufe sprechen für erweiterte Diagnostik.
Langzeitsteroide möglichst vermeiden; frühzeitig steroid-sparende Strategien erwägen, wenn Rezidive häufig sind.
Shomali W, Gotlib J. World Health Organization and International Consensus Classification of eosinophilic disorders: 2024 update on diagnosis, risk stratification, and management. Am J Hematol. 2024;99(5):946-968. doi:10.1002/ajh.27287. PMID:38551368.
Valent P, Klion AD, Roufosse F, et al. Proposed refined diagnostic criteria and classification of eosinophil disorders and related syndromes. Allergy. 2023;78(1):47-59. doi:10.1111/all.15544. PMID:36207764.
Khoury P, Herold J, Alpaugh A, et al. Mepolizumab incompletely suppresses clinical flares in a pilot study of episodic angioedema with eosinophilia. J Allergy Clin Immunol. 2024;153(3):821-830.e6. doi:10.1016/j.jaci.2023.11.002. PMID:37951310.
Gleich GJ, Hendershot R. Episodic angioedema associated with eosinophilia: Benralizumab-induced complete remission. J Allergy Clin Immunol Pract. 2024;12(1):259-261. doi:10.1016/j.jaip.2023.10.011. PMID:37832821.
Haber R, Chebl JA, El Gemayel M, Salloum A. Gleich syndrome: a systematic review. Int J Dermatol. 2020;59(12):1458-1465. doi:10.1111/ijd.14963. PMID:32557651.
Bertrand V, Boccara O, Filhon B, et al. Episodic angioedema with eosinophilia (Gleich syndrome) in children: a clinical review. Pediatr Allergy Immunol. 2020;31(3):297-302. doi:10.1111/pai.13173. PMID:31725177.
Mormile I, Piterà P, Grilli E, et al. Episodic Angioedema with Hypereosinophilia (Gleich’s Syndrome): A Case Report and Extensive Review of the Literature. J Clin Med. 2021;10(7):1442. doi:10.3390/jcm10071442. PMID:33916211.
Butterfield JH. Successful Long-Term Control of the Syndrome of Episodic Angioedema With Eosinophilia (Gleich Syndrome) With Low-Dose Imatinib Mesylate and Prednisone. J Investig Med High Impact Case Rep. 2021;9:2324709620987691. doi:10.1177/2324709620987691. PMID:33459036.
Fernández LT, Ocampo-Candiani J, Watts-Santos A, et al. Intermittent Soft-Tissue Tumor Enlargement in Episodic Angioedema With Eosinophilia Syndrome. Am J Dermatopathol. 2022;44(12):968-970. doi:10.1097/DAD.0000000000002237. PMID:36395452.
Jue JH, Shim YJ, Park S, Kim D-H, Jung HR. Korean Adolescent Patient with Manifestations of Lymphocyte Variant Hypereosinophilic Syndrome and Episodic Angioedema with Eosinophilia, Treated with Reslizumab. Iran J Allergy Asthma Immunol. 2022;21(2):215-218. doi:10.18502/ijaai.v21i2.9229. PMID:35490275.
Diese Website nutzt Cookies!
Um unsere Inhalte optimal an Ihre Bedürfnisse anzupassen und unsere Website kontinuierlich zu verbessern, verwenden wir Cookies. Sie entscheiden selbst, für welche Cookies Sie Ihre Einwilligung geben möchten. Detaillierte Informationen zu den verwendeten Cookies finden Sie in unserer Datenschutzerklärung und den Cookie-Einstellungen. Ihre Einwilligung können Sie jederzeit widerrufen.